Die drey schlimmschte Dääg

22. Februar 2015 | Von | Kategorie: Nachrichten, Top-Thema

Ich gestehe: Ich kann sie nicht ausstehen, diese Tage. Ich könnte gut darauf verzichten und ich denke oft an die Basler Kollegen, die bei einem „Kaffi fertig“ auf der Bettmeralp im Sonnenschein sitzen und sich erholen, währenddessen ich hier in Basel rumstresse. Ich würde sie verbieten, wenn ich könnte, diese schlimmen drei Tage vor dem Morgestraich!

Das begann dieses Jahr schon am Freitag, wo ich noch in einer fernen europäischen Hauptstadt aufgewacht bin und in aller Frühe mit dem Taxi zum Flughafen musste. Ich ahne schon dort, dass ich diese Schlafmanko-Stunden in die Fasnacht tragen werden. Zurück im Basler Büro muss ich die Arbeit so erledigen, dass ich alles für eine Woche „parkieren“ kann. Bei meinen Basler Kollegen ist das nicht so kompliziert. Aber meine Arbeitskameraden im karnevalsfreien Hamburg zeigen wenig Verständnis für jemanden, der vier Tage frei nimmt um „Fasnacht und erst noch nach Aschermittwoch“ zu feiern. „Ich bekomm das schon noch bis nächste Woche, nicht wahr, Daniel?“ Sinnlos.

Mein Funktionskollege für Deutschland nimmt auch frei. Er geht schifahren und alle lassen ihn in Ruhe. Am Abend sind wir eingeladen zu Bekannten, die ein schottisches Ehepaar zu Besuch haben. Zum ersten Mal in diesem Jahr höre ich wieder die rührigen Versuche von Baslern, einer Kuh das Geigespielen beizubringen, will sagen: einem Nicht-Basler die Fasnacht zu erklären.

Dann der nächste Schreck: Meine Frau wird krank, wir müssen früher heim. Pretuval auflösen und ab ins Näscht. Vor dem Delirium röchelt sie noch: „Unser Sohn – Goschdym – nüt gmacht…“. (ES IST FREITAG VOR DEM MORGESTRAICH, GOOTS NO?) Am nächsten Tag wird Sohnemann geweckt. Im ganzen Haus werden die Utensilien für seine drei Goschdym gesucht. Es fehlt ein „braunes Gilet, möglichst mit Fell“. Alle Goschdymfreaks anrufen „Habt ihr zufällig noch ein Gilet…?“. Es müssen Gummipads auf Sohnemanns Goschdym genäht werden. Nadel und Faden bleiben unauffindbar, ab in den Coop, Abteilung Stärnlifaade und Nadeln.

Die Näherin liegt im Bett und schläft sich gesund. Also nähen Vater und Sohn stundenlang Aliens zusammen. Draussen schiffts, was auch nicht gerade entspannt. Die Tochter wird in die Stadt geschickt: Wir brauchen Pellerinen! Ich muss meinen Waggis noch waschen (welches Programm nimmt man für „Waggis-Bluse?“. Sohnemann sticht sich in den Finger und erklärt, er müsse jetzt zum Auswärtsspiel des EHC. Playoff. Entscheidungsspiel. Sack zuemache, waisch?

Ich fahre ihn in die Stadt und besuche meinen Vater (“ I ha gmaint, de kämsch friehner?“). Er ist 94 und lebt in seiner Welt im APH Johanniter. Noch letztes Jahr hat er in seiner Wohnung an der Route Fasnachtsgruppen zu Wein und Sunnereedli empfangen. Heute kann er mit dem Begriff „Fasnacht“ nichts mehr anfangen. Ich trinke trotzdem einen Eideggsli-Wyy mit ihm. „Tschau Babbe“ – ich will noch ins Büro, dort liegen alle meine Fasnachtsunterlagen…!

Aber ich fahre nach Hause, nach meiner kranken Frau schauen. Vor dem Haus in Riehen steht ein Camper mit holländischen Nummernschildern. Ich ahne Böses: Der angesagte Besuch („si kömme numme schnäll go Kaffi dringge…“) ist da. Wir begrüssen uns und ich nehme mir vor, bei der nächsten Tourismuskommissionssitzung zu fragen, wo es eigentlich Parkplätze für holländische Camper gibt, ausser vor meinem Haus in Riehen? Meine Frau sieht krank aus. Ich bekoche die Holländer, sie bleiben länger als nur zum Kaffee. Meine Frau geht wieder schlafen, aber nicht ohne vorher zu versuchen, den Kühen das Geigenspiel näher zu bringen.

Gottseidank hat meine Tochter noch ein Buch von der UBS „Die Basler Fasnacht – eine Gebrauchsanweisung“. Ein hervorragendes Werk für Fasnachts-Neulinge. Kurz, klar, farbig. Die Holländer ziehen sich zur Nachtruhe zurück in ihren Camper und mein Sohn simst, ob ich ihn um Mitternacht auf dem Aeschenplatz abholen kann. Ich kann – natürlich – und erfahre die nächste Katastrophe: Der EHC Basel-Kleinhüningen macht den Sack nicht zu und es kommt zu einem nächsten Playoffspiel – am Fasnachtszyschig in der St. Jakob-Arena! Sehr originell! Der Entscheidungskampf „Puck oder Trommel?“, die schlechte Laune, der Stress mit der Mutter – alles vorprogrammiert. Eishockey oder Fasnachtszyschtig? Ganz egal, wie Sohnemann entscheidet, es wird falsch sein.

Heute – es ist glaube ich Sonntag – stehen nun noch ein paar unwesentliche Dinge an: die hoffentliche Gesundung meiner Frau, die finale Goschdymkontrolle (Schyssbatterie! Hesch mr no schwarzi Schue? I bruuch e Gürtel? Wo isch mi Blagedde?), der Transport von den FasnächtlerInnen ins Hotel Basel (BRAUCHE ICH JETZT EINE BEWILLIGUNG DAFÜR??), der erste Bericht für fasnacht.ch, s Lambbeabhoole, s Wättergott-Aabätte, die Betreuung der mittlerweile geigenspielenden Kühe und meine finale Entscheidung: TATORT oder Dringge in dr Stadt? Meine Tochter bringt es auf den Punkt: „Mich erstaunt es nicht, weshalb man die Fasnacht „die drey scheenschte Dääg“ nennt, wenn die Tage davor so stressig sind!“.

I winscht allne – trotzdäm – e heerligi Fasnacht!

Kommentare sind geschlossen