Charaktere der Basler Fasnacht (VI): Der „Me“

22. Februar 2015 | Von | Kategorie: e Hampfle Räppli

0514_basel_vorträbler_korrIn der letzten Folge unserer kleinen Serie über die fasnächtlichen Charaktere wollen wir uns dem prominentesten Vertreter zuwenden. In jeder Clique, Guggenmusik, Chääse, Wagenclique, ja sogar in jedem Schissdräggzyygli kommt er vor. In einigen fasnächtlichen Organisationen stellt er sogar die Mehrheit der Aktiven – und der Passiven sowieso. Es handelt sich um den „Me“.

Was immer man vor, während und nach der Fasnacht im Verbund unternimmt – diese Charaktere hat es eingeleitet, denn: „Me hett beschlosse.“ Auch die Ausführung obliegt dieser Person: „Me het gmacht.“ Oder wurde etwas nicht getan, auch dann ist die Verantwortlichkeit klar: „Me het s verbasst…“ oder „Me het unterlosse…“. Und die Betroffenen beschweren sich dann auch gerade bei der richtigen Adresse, tönt es doch unisono: „Wie het me numme könne so blöd sy?“

Es wurden schon unzählige Recherchen unternommen, um diesen „Me“ zu identifizieren, leider immer umsonst. Das ist sehr gut für diesen „Me“, denn er sähe sich wohl mit ruinösen Schadenersatzforderungen konfrontiert und würde mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Es ist aber sehr schade für die übrigen Vereinsmitglieder, denn es ist doch immer sehr befriedigend, den Schuldigen identifizieren zu können.

Apropos „der“ Schuldige: Es ist noch nicht einmal gelungen, das Geschlechts des? der? „Me“ zu ergründen. Sicher ist: Er oder sie kommt in Männer- wie in Frauen-Cliquen genauso häufig vor, und in gemischten Vereinen sowieso. Eingefleischte Verfechter einer Männer-Fasnacht beschwören, dass „Me“ weiblich sein müsse, seien die Frauen doch an allem Unglück der Fasnacht (oder gar der Welt) schuld. Emanzipierte Fasnächtlerinnen erwidern, dass „Me“ nur männlich sein könne, denn wo etwas schief gehe, stecke garantiert ein Mann dahinter. Beiden muss entgegengehalten werden, dass ihre Thesen unmöglich stimmen können. Denn bei den „Stainlemer“ oder der „Olympia“ (eindeutig männlich) findet sich der „Me“ etwa ebenso oft als Katastrophen-Verursacher in GV-Protokollen wie bei den „Rätschbeeri“, einer Guggenmusik mit ausschliesslich Frauen.

Weniger häufig wird der „Me“ (bleiben wir beim männlichen Artikel, ausnahmsweise haben die Frauen wohl nichts dagegen, hier „nur“ mitgemeint zu sein) gelobt. Selten liest man in einer Vereins-Chronik, „Me“ habe ein tolles Gartenfest organisiert, am meisten Plaketten verkauft oder einen Super-Preis für die Tombola gestiftet. Nein, nein, das wird dann schon personalisiert; positive Taten vollbringen Hansli Meier oder Anneli Müller. Nur was schief geht, dass hat garantiert wieder dieser vermaledeite „Me“ verbockt.

Manchmal dient dieser „Me“ aber auch dem Frieden in einer Clique oder Gugge. Wenn man sich nach der Fasnacht an der obligaten „Lämpesitzig“ in Hitze geredet hat und nur noch wenig fehlt, um die verbale in eine handfeste Auseinandersetzung eskalieren zu lassen, dann bringt ein kluger Vereinspräsident seinen letzten Trumpf ins Spiel. Er anerkennt, dass hier ein wichtiges Problem angesprochen worden sei, man solle nun aber nichts übers Knie brechen, sondern: „Me wird das noch dr GV in aller Rueh aluege und me wird e Lösig finde.“ „Me“ wird dann diskret das Problem aussitzen, bis es im Laufe des Sommers in Vergessenheit geraten ist…

In einigen wenigen Fällen personalisiert sich aber auch ein „Me“. Etwa wenn „Me“ vor der GV den Anruf bekommt, „me bruucht no aine für dr Vorstand“, für die Bummelorganisation oder für die Neumöbilierung des Cliquenkellers – und „me“ dann zusagt. Da wird dann aus dem anonymen „Me“ etwa „dr Obmaa“, das Faktotum oder der Organisator. Was die Unterschiede sind? Da lesen Sie am besten die früheren Folgen dieser Serie. Viele der dort beschriebenen Charaktere werden sie in den nächsten drei Tagen auf Basels Strassen und in den „Baize“ finden. In diesem Sinn: E scheeni Fasnacht!

Die Schweiz am Sonntag veröffentlicht eine Serie von Artikeln über die einzelnen Charaktere der Basler Fasnachts-Szene. Wir erhielten freundlicherweise die Erlaubnis, die Beiträge abzudrucken und veröffentlichen hier die sechste und letzte Folge. Gerne verweisen wir auf www.schweizamsonntag.ch Bereits erschienen:
Der Obmaa
Die Guggenmutter
Das Faktotum
Der Organisator
Der Kritiker

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