Charaktere der Basler Fasnacht (V): Der Kritiker

15. Februar 2015 | Von | Kategorie: e Hampfle Räppli

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Einen fasnächtlichen Verein zu führen, sei es Clique oder Gugge, Wagen oder Schnitzelbangg-Gesellschaft, ist kein Zuckerschlecken und meist anspruchsvoller als das Hüten des berühmten Sack Flöhe. Nicht umsonst redet man von Pfeifer-Primadonnen oder Trommelkönigen. Ein Fasnächtler versteht sich höchstens in zweiter Linie als Vereinsmitglied – in erster Linie ist er eben Fasnächtler und vor allem Fasnachtskünstler. Und so gesehen kann er nur eine Meinung als die einzig selig machende und richtige akzeptieren: seine eigene

Auf die Spitze getrieben wird diese Eigenart von einer Gattung Fasnächtler (und die Fasnächtlerinnen sind hier durchaus inbegriffen): dem Typus des Kritikers. Er hat die eigene Meinung und das Kundtun derselben sozusagen zur Kunstform verdichtet. Wenn der Vorstand eine Idee vorstellt und alle einverstanden sind, eigentlich alles geregelt scheint – dann kommt sein Moment, sein Auftritt.

Wobei der Kritiker sein Votum meist taktisch sehr geschickt aufbaut. Zuerst werden die Ideengeber für ihre Initiative gelobt und der Verein beglückwünscht, solch aktive Leute an der Spitze zu haben. So sei es auch verständlich, dass alle Anwesenden pure Begeisterung zeigen würden und es täte ihm leid, diese Eintracht kurz stören zu müssen. Und dann kommt das wichtigste Wort des Kritikers, meist betont gedehnt: „Aaaaaber…“. Ob man auch bedacht habe…? Wie komme es heraus, wenn die getroffenen Annahmen nicht ganz eintreffen würden? Ob eigentlich die Kosten genau berechnet worden seien? Der Bedenkenträger hat sich nun meist ins Feuer geredet, die unbeherrschteren unter den Kritikern können in dieser Phase auch beleidigend werden und über ein unverantwortliches Verhalten des unfähigen Vorstandes gifteln, welches den Bestand des Vereins auf das Schwerste gefährde. Der wahre Künstler unter den Kritikern wird aber nur seine leise geäusserten Bedenken wirken lassen.

Und die Wirkung setzt meist ein. Auch wenn die Bedenken noch so weit hergeholt scheinen (ob das einzige Passivmitglied, welches auf den Rollstuhl angewiesen sei, den Ausflug auch mitmachen könne? Ja er wisse, dass der noch nie irgendwo dabei war, aber es könne ja sein…), die anfangs totale Begeisterung ist im Nu verschwunden.

Besonders erfolgreich ist der Kritiker, wenn er sich in die Gestalt eines Gutmenschen kleiden kann: Ob die Einführung eines „Herrenbummels“ nicht eine Zurücksetzung des weiblichen Geschlechts impliziere? Habe der Ausflug an den Schwarzsee nicht einen rassistischen Anflug? Und überhaupt, sei eine Busreise nicht eine unnötige Vergrösserung des ökologischen Fussabdrucks des Vereins?

Es ist auch hoffnungslos, den Kritiker einbinden zu wollen und ihn etwa zum Vorstandsmitglied oder gar Obmaa (s. Folge 1 dieser Serie) zu machen. Er wird seine Leidenschaft weiter ausüben, nur einfach von der anderen Seite. Dann ist nicht mehr der Vorstand unfähig, sondern die Mitglieder, welche die hehren Absichten des Vorstandes nicht zu würdigen wüssten. Ganz nach dem Wort von Kurt Tucholsky: „Die Regierung ist unzufrieden mit dem Volk. Sie hat beschlossen, sich ein neues Volk zu wählen.“ Und so hat auch fast jede Cliquen-Spaltung, fast jede Gründung einer neuen Guggenmusik ihren Ursprung im überzeugenden Auftritt eines Kritikers. Das passt im übrigen: Das Wort „Kritik“ kommt vom griechischen „Kritikë“, was unter anderem „trennen“ heisst.

Seinen ultimativen Auftritt hat der Kritiker, wenn er nicht im Vorstand ist, dann an der GV. Nachdem er erfolgreich jede Initiative während des Jahres abgewürgt hatte, kann er nun zum entscheidenden Dolchstoss gegen den Vorstand ansetzen: „Es ist doch wirklich bedauerlich, wie ideenlos die sind. Nichts läuft in unserem Verein. Die sollen sich doch mal was einfallen lassen!“

Die Schweiz am Sonntag veröffentlicht eine Serie von Artikeln über die einzelnen Charaktere der Basler Fasnachts-Szene. Wir erhielten freundlicherweise die Erlaubnis, die Beiträge abzudrucken und veröffentlichen hier die fünfte Folge. Nächsten Sonntag folgt die letzte. Gerne verweisen wir auf www.schweizamsonntag.ch Bereits erschienen:
Der Obmaa
Die Guggenmutter
Das Faktotum
Der Organisator

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