Das Gutgemeinte ist der Feind des Guten

27. September 2013 | Von | Kategorie: Hyylgschichte

In der Guggenmusik Guetzlistampfer gab es zwei, die unzertrennlich waren: die beiden Posaunisten Peter und Harry. So erstaunte es auch nicht, dass Harry am Fasnachtsmontag als erster merkte, wie schlecht der Peter «zwääg» war. Am ersten Halt des Cortèges zog er ihn denn auch sofort zur Seite, bestellte an der Bar erst mal zwei Bier und kam dann gleich zur Sache: «Du siehst aus wie ein Schluck Wasser in der Wüste – und so hast Du heute auch gespielt. Liegt es wieder mal an Antoinette?» Harry hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Antoinette Vonderian-Saramühll war zwar Peters Freundin, aber die Beziehung hatte einen grossen Haken: die schon am Namen erkenntlich noble Herkunft der Holden. Und dann einen Malergesellen als Freund! Logisch, dass Vater Gotthold Vonderian-Saramühll alles andere als erfreut über die Mesalliance war und sein Möglichstes tat, um die Beziehung zu erschweren.

«Ich muss es wohl aufgeben», seufzte denn auch Peter, «sie würde ja wollen, aber ihr Vater…» Das wollte Harry aber genauer haben: «Was wollen? Bett und so?» «Vergiss es», winkte Peter ab, «vor der Hochzeit läuft da sowieso nichts.» Nun war es aber an Harry, die Gesichtsfarbe zu verlieren: «Du willst doch nicht etwa sagen, Du wolltest…» Peter nickte resignierend, er würde noch so gerne, und sie auch, aber der Vater… Nun aber legte Harry los: So von wegen Fangeisen, lebenslanger Haft und der Tatsache, dass man keine Kuh kaufe, wenn man ab und zu mal Lust auf ein Glas Milch habe. Und dass sie sich doch als unzertrennliche Freunde geschworen hätten, ledig zu bleiben statt erledigt zu sein. Aber Peter war mit der einzigen, gesellschaftlich anerkannten Geisteskrankheit geschlagen: Er war bis über beide Ohren verliebt und zum äussersten bereit. Als der Halt zu Ende war, kehrten ein sichtlich schockierter Harry und ein ebenso deprimierter Peter zur Gugge zurück.

Beim nächsten Halt drängte Harry sofort wieder zu Peter und diesen an den abgelegensten Ecktisch der nächsten Kneipe. «Also, hör mal», begann er mit sichtlich beherrschter Stimme, «Du willst das Mädchen, und es will Dich, also sollt Ihr Euch kriegen, egal was ihr toller Daddy meint. Der Harry wird das schaukeln!» Leise Hoffnung glomm in Peters Augen: «Und wie willst Du…?» Aber Harry wäre nicht einer der gerissensten Versicherungsvertreter, wenn er nicht bereits einen fertigen Plan hätte: «Dieser Vonderian-Saramühll gibt morgen in der Ingwer-Zunft doch den grossen Ball. Ich bin sowieso eingeladen – und Du kommst auch mit!» Peter war das zwar unheimlich, so ganz ohne Einladung, aber Harry war im Überreden schon immer gut – und wenn es der guten Sache nützt…

Am Abend des Fasnachtsdienstag war dann tatsächlich der grosse Ball, einer der letzten an der Basler Fasnacht. Harry, mit dem hoffnungsvollen Peter im Schlepptau, tat sich zuerst die Darbietung des Schnitzelbanggs Wullegnäuel an, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. Er tat es sich sogar an, nach dem Auftritt den Kontakt zum Chef des «Banggs» zu suchen, obwohl er den sonst immer grossräumig mied. Harry wusste aber auch, dass der meist sehr dominant Auftretende ein Protegé des alten Vonderian-Saramühll war – und tatsächlich stand man schon bald zu dritt ins Gespräch vertieft. Der Grandseigneur des Basler Privatbankenwesens stutzte zwar sichtlich, als er hinter Harry den etwas verschüchterten Peter sichtete, liess sich aber, durch reichlich Alkohol altersmilde gestimmt, weiter nichts anmerken. Harry nutzte sofort die Chance und lenkte das Gespräch auf Antoinette und ihren Möchtegern-Ehemann. «Also, ich verstehe Sie nicht, Herr Doktor, dass Sie so negativ gegen den Peter eingestellt sind. Er mag nicht gerade Matur haben, aber ist ein grossartiger und sensationeller Handwerker. In Kürze, da bin ich überzeugt, wird er sein eigenes Malergeschäft haben. Er ist ein richtiger ‚Krampfer‘ und dazu noch ein seelenguter Mensch. Geben Sie doch Ihrem Herzen einen Stoss und ihm eine Chance!»

Und der alte Herr zeigte sich tatsächlich von seiner guten Seite; leicht gönnerhaft winkte Vonderian-Saramühll Peter zu sich hin und fragte nach seiner Arbeit. Bevor Peter aber noch den Mund aufmachen konnte, legte Harry bereits los: «Der beste Maler in ganz Westeuropa und Umgebung! Ich empfehle ihn mittlerweile all meinen Kunden. Der wird seinen Weg sehr schnell machen.» Vonderian-Saramühll war sichtlich beeindruckt: «Und wie steht es mit den Finanzen?» Peter druckste kurz herum, aber Harry war nun gar nicht mehr zu bremsen: «Ein erkleckliches Sümmchen ist da schon zusammengekommen. Der Peter spart sich jeden Hunderter vom Mund ab, um bald das Kapital zur Geschäftsgründung beisammen zu haben. Der wird wohl bald die Dienste Ihrer Private Banking Abteilung in Anspruch nehmen, Herr Doktor, höhöhö…»

Der alte Herr war nun wirklich beeindruckt und rief seine Tochter zu sich: «Meine liebe Antoinette, wenn das wirklich so ein patenter Kerl ist, wie ihn sein Freund schildert, so will ich mal nicht den Sturkopf spielen. Wann soll denn die Hochzeit sein?» Das ging nun aber der Guten zu schnell: «Moment mal, so viel weiss ich jetzt auch nicht von Peter. Sag mal», so wandte sie sich an ihren nun äusserst hoffnungsvollen Galan, «wie war das eigentlich so mit Frauen vor mir?» Peter wollte gerade etwas in Richtung «Du bist meine Erste und Einzige» stammeln, aber sein bester Freund hatte sich bereits so ins Feuer geredet, nun war gar kein Halten mehr: «Frauen… der Peter? Dutzende, was sag ich: Hunderte – der hat so ziemlich alles flachgelegt, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Ich sage Dir, Antoinette, da bekommst Du einen echten Casanova!»

Die Hochzeit wurde auf unbestimmte Zeit verschoben…

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