1:1 für beide

10. Januar 2013 | Von | Kategorie: Hyylgschichte

Der Jörg war ein „Waggis“, wie er im Fasnachtsbuch steht: Am wohlsten fühlte er sich, wenn er am Cortège auf dem Wagen der Separé-Rueche stehend irgendeine holde Schönheit so richtig einseifen konnte. Dazu ein paar träfe Sprüche und – wenn er gut gelaunt war – zum Abschluss einen Strauss Mimosen. Dass das andere Geschlecht auch noch andere Vorzüge hatte ausser der Opfer-Rolle an der Fasnacht, kam dem eingefleischten Junggesellen beim besten Willen nicht in die Hirnwindungen. „Ein Mann braucht ein Frau so dringend wie ein Fisch ein Velo“, pflegte er zu sagen, wenn er mit seinen Wagen-Freunden an der Bar ihres Kellers im Untergrund der „Staine“ einen Drink namens „Amsel-Dreck“ vernichtete. Aber was heisst hier einen? Meistens waren es zwei, fünf siebenundzwanzig. Aber das war nur die zweitliebste Beschäftigung, denn eben… Jörg war Wägeler mit Leib und Seele.

Und dann war endlich wieder Fasnachts-Montag – mit Petrus als waschechtem Basler. Sonnig, windstill, nicht zu mild – also ein perfektes Wetter zum junge Frauen „stopfen“. Den Inhalt von zwei Räppli-Säcken hatte er schon via diverse Nacken in die Kleidung verschiedener Frauen versteckt, als er vom Wagenrand aus ein Prachts-Exemplar des weiblichen Geschlechts entdeckte. Den Räpplisack in der einen und einen Mimosenstrauss in der anderen Hand hüpfte er hinunter, um Kontakt mit diesem Opfer aufzunehmen. Doch dieser Kontakt hatte es in sich – vor allem der Blickkontakt. Diese katzengünen Augen… Er vergass die Räppli, seine Absicht… statt träfer Sprüche kam nur ein Stammeln aus seiner Kehle und eh er sich über sein Handeln überhaupt bewusst war, streckte er den Mimosenstrauss stumm der Holden entgegen – was mit einem fröhlich-zutraulichen Augenaufschlag quittiert wurde.

Doch gerade, als der Kontakt tiefer geknüpft werden sollte, hatten auch die anderen Separé-Rueche Notiz von der Schönheit genommen. Zack, über den Wagenrand gehüpft, den Räpplisack in der Hand, wurde die Ärmste gestopft, dass ihr Hören und Sehen verging. «Nein, nicht sie», wollte Jörg noch schreien, doch es hätte eh nichts genutzt, die holde Maid bekam es knüppeldick ab und würde wahrscheinlich jetzt noch gestopft, wenn sich der Stau nicht plötzlich aufgelöst hätte. Jörgs Wagenfreunde waren gezwungen, zu Gefährt und Gefährten zurückzukehren – und die katzengrünen Augen schauten alles andere als freundlich auf den sich entfernenden Wagen mitsamt unglücklichem Jörg. Dieser wendete sich den Rest des Nachmittags dem gewohnten fasnächtlichen Treiben zu, abends gab es «Amsel-Dreck» à discretion, und auch der Rest der Fasnacht lief wetterbegünstigt sensationell ab. Aber von Zeit zu Zeit – so zwischen Drink Nummer zwölf und fünfzehn – erschienen ihm wie eine Halluzination immer wieder der katzengrünen Augen. Dann entrang sich seiner Brust ein Seufzer, der den Kellerwirt bewegte, sofort einen neuen «Amsel-Dreck» hinzustellen.

Zwei Wochen war die Fasnacht 2000 schon Vergangenheit, als Jörg am Samstag die letzten Besorgungen für den Bummel machte, zu kaufen war in erster Linie Aspirin; man weiss ja nie… Dabei stolperte der ziemlich Geistesabwesende in eine der Demos, welche in Basel schon unliebsame Tradition darstellten. Nur waren es diesesmal nicht ausländische Bevölkerungsgruppen, sondern – wenn auch durch die Vermummung mit Schal mit Mützen schwer zu erkennen – Frauen, welche irgendwelche Parolen wie «Keine Gewalt den Männern!», «Machos von der Strasse!» und ähnliches kreischten. Jörg wollte sich schon amüsiert lächelnd abwenden, als sein Blick auf eine Gestalt fiel. Das Gesicht war zwar kaum zu erkennen, aber die Augen… katzengrün… dieses Blitzen… Jörg lächelte sein umwerfendstes Lächeln, winkte heftig, völlig vergessend, dass ihn die Holde ja nur mit Larve gesehen hatte. Und doch: Zaghaft kam ein Lächeln zurück und leichtes Nicken dazu. Jörg wollte schon…, als zwei Mitdemonstrantinnen ihn in die Mangel nahmen: «Dieser Macho will sogar an der Demo baggern… Saukerl… kastrieren!», so tönte es – und im Nu war Jörg mit Kuhdreck verschmiert, den die Suffragetten als Waffe im Geschlechterkampf für passend hielten. Fluchend wandte sich der Gepeinigte ab und erhaschte gerade noch einen Blick aus den katzengrünen Augen, bedauernd zwar, aber – wie ihm schien – auch ein wenig hämisch.

Und wieder gingen zwei Wochen durch’s Land, Jörg hatte sich vom Bummel erholt, vertrug wieder feste Nahrung und hatte die berühmtesten drei Worte «Nie wieder Alkohol» nach hinten ins Stammhirn verlegt. Kurz: er war «uff dr Wälle», und zwar in seiner Stammbeiz, der «krummen Kurve» am Claraplatz. Die Luft war stickig, die Atmosphäre laut, das Bier nass – bref, so richtig gemütlich. Und es kam noch besser, ein gut gebautes weibliches Wesen drängte sich exakt neben ihm an die Bar. Jörg sammelte sich soeben zur besten Anmach-Masche, als sich das Wesen umdrehte und ihm einen freundlichen Blick von der Seite schenkte – aus katzengrünen Augen. «Du… Du… Du…», stammelte der völlig Verblüffte, und auch ihr dämmerte es plötzlich: «Du… Kuhmist… äh… ist mir ja irgendwie peinlich…» Nun prustete aber Jörg los: «Hatte ich verdient, Du erinnerst Dich vielleicht an Fasnachtsmontag auf der Mittleren Brücke.» Da kam auch ihr eine Erleuchtung: «Das warst Du? Stimmt, die Stimme hat mich sogar durch die Larve fasziniert. Nun, dann steht es jetzt 1:1.»

So stand es noch lange an diesem Abend, obwohl beide bald Mühe mit Stehen hatten, denn Jörg weihte seine Begleiterin umgehend ins Geheimnis des Trinkens von «Amsel-Dreck» ein. Man verabschiedete sichschwankend, traf sich bald wieder, und immer wieder – und irgendwann läuteten vor dem Arlesheimer Dom die Hochzeitsglocken. Wobei der Pfarrer beim Verlassen der Kirche grosse Augen bekam: Dass der männliche Teil des Spaliers Räppli warf, verstand er ja noch, aber der weibliche Teil hatte Kuhfladen in der Hand – glücklicherweise nur Imitate…

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