Ei, Ei – was seh ich

24. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Hyylgschichte

Der «Kehruss» nach der Fasnacht ist für die meisten Fasnächtler die Gelegenheit, alle Freunde und Bekannten zu treffen, die man während der drei schönen, aber hektischen Tage nur im Vorbeigehen grüssen konnte, für andere ist es schlicht die Gelegenheit, sich «die Lampe zu füllen» – also dem Alkohol mehr als zuträglich zuzusprechen -, einige sehen den Anlass auch als Ball der einsamen Herzen. Letzteres galt sicher nicht für Karin, die sich zwar von ihrer Freundin Sonja zum Kehruss hatte überreden lassen, aber dies wirklich nur schweren Herzens. «Die eine Hälfte sucht was zum Schmusen, die andere ertränkt den Weltschmerz über das Fasnachtsende im Alkohol», so Karins Argument, warum ihr der Anlass keinen Spass mache. «Ein bisschen Alkohol schadet Dir sicher nichts, Frust hast Du genügend zu ertränken», lautete das Gegenargument – und ganz unrecht hatte Sonja da nicht. Ausgerechnet am Morgenstraich hatte Karin von ihrem Freund erfahren müssen, dass er sich anderweitig orientieren wolle… man könne doch gute Freunde bleiben…. und so weiter. Es war eine deprimierende Fasnacht!

Nun standen die beiden Damen also an der Cüpli-Bar, und sogar Karin genoss es, dass sich rund alle halbe Stunde ein Galan einfand, der eine neue Runde fliessen liess. Die Anmache der Spender war zwar teilweise etwas derb, aber sie wusste sich zu wehren und fühlte sich mit steigendem Champagnergenuss immer geschmeichelter über die ihr entgegengebrachte Aufmerksamkeit. Ihr Gang zur Toilette und zurück geschah schon ziemlich schwankend – und sie hätte sich wirklich nicht umschauen sollen, wer ihr denn da nachpfiff. Rückwärtslaufend stiess sie gegen irgend etwas, hörte noch den Schrei «Uffbasse!» und spürte gleich darauf einen kräftigen Klaps auf ihrem Allerwertesten.

Sich umdrehen und zur Ohrfeige ausholen, war bei Karin eins. Aber dann stockte ihre Hand, denn ihr Gegenüber sah zu komisch aus. Ein blaues Ueli-Kostüm mit entsprechender Larve – das ginge ja noch – aber vor dem Bauch einen Mini-Kochherd mit Bratpfanne, und darin brutzelten Spiegeleier. Der Maskierte entschuldigte sich sofort für den Klaps, «aber Du hast hinten gebrannt.» Tatsächlich, die Flamme des mobilen Kochers hatte ihren schönen Pierrot hinten übel zugerichtet. Nun packte Karin erst recht die Wut, die sich auch nicht legte, als ihr der Unbekannte als Entschuldigung ein perfekt serviertes Spiegelei hinhielt. Unwirsch wollte sie den dargebotenen Teller wegfegen, was aber ziemlich kontraproduktiv ausging: Nun klebte das Spiegelei nämlich tropfend und fettig an der Vorderseite ihres Pierrots, der dadurch nicht gerade an Schönheit gewann, und ausserdem stank es bestialisch. Nun war die Bekleckerte mit den Nerven restlos am Ende, mit wüsten Flüchen und Drohungen schlug sie den Mann mitsamt seinen Spiegeleiern in die Flucht.

Zurückgekehrt zu Cüplibar und Sonja konnte sich Karin noch lange nicht beruhigen. Kaum druckreif war, was sie über den Ueli mit seinen Eierspeisen zu berichten wusste. Und ihre Laune besserte sich keineswegs, als sie feststellen musste, dass die Umstehenden sichtbar die Nase rümpften und auch ihre Freundin diskret von ihr abrückte: Der Geruch war wirklich kaum zu ertragen. Aber die nächsten fünf Gläser Champagner bewährten sich als Nerventonikum, obwohl sie die Zeche dieses Mal selbst bezahlen musste und das Interesse der örtlichen Männerwelt merklich zurückging. Ein sacht alkoholischer Schleier bedeckte ihren Frust, und so liess es Karin sogar zu, dass sie von ihrer Freundin noch in die nächste Kneipe, den Rheinfelderhof, abgeschleppt wurde.

Dort angekommen, war ihr nach einigen weiteren Gläsern schon so ziemlich alles egal, auch der üble Geruch schien nachzulassen, und nach einiger Zeit realisierte sie sogar, dass die äusserst angenehm tönende Männerstimme ihr galt. Der nachfolgende Augenschein geriet zwar etwas neblig, trotzdem konnte Karin nicht übersehen, dass die dazu gehörende Gestalt nicht weniger angenehm war als die Stimme. Der Abend war gerettet, auch wenn Sonja plötzlich verschwunden war – und als sie nach einigen weiteren Stunden realisierte, dass der Getränke doch genug waren, nahm sie das Angebot gerne an, mit ihrem Begleiter draussen an die frische Luft zu gehen. Eine besonders gute Idee war dies zwar nicht, zwei Atemzüge kalte Nachtluft reichten, und es wurde sehr dunkel um Karin…

… «Das waren wohl ein paar Gläser zuviel», dachte sich Karin, als sie erwachte und bei noch geschlossenen Augen versuchte, die letzten Stunden des Vorabends zu sortieren. Es gelang nicht ganz, aber immerhin blieb die Erinnerung an einen sehr netten Typen, der sie nach draussen begleitet hatte. Karin schlug die Augen auf und traute denselben nicht: Dieses Schlafzimmer war nicht ihres! Immerhin registrierte sie etwas erleichtert, dass sie noch mit Pulli und Strumpfhose bekleidet war, nur das Kostüm fehlte. Und den Kopf, der jetzt durch den Türspalt linste, erkannte sie immerhin am selben frechen Grinsen wie im Rheinfelderhof. Unter dem Kopf erschien eine Hand mit einer dampfenden Tasse Kaffee, die gerne angenommen wurde. Und die Erklärungen folgten: «Du bist einfach zusammengesackt, und als Du wieder zu Dir kamst, hast Du nur noch unzusammenhängendes Zeugs gebrabbelt. So hab ich Dich in ein Taxi verfrachtet und zu mir genommen. Keine Angst, es ist nichts passiert! Ich habe Dir lediglich das verdreckte Kostüm ausgezogen.»

Karin war das Ganze äusserst peinlich, gleichzeitig aber begann sie sich unter der Obhut von Charlie – so stellte sich der Kavalier vor – immer wohler zu fühlen. Und nach einer Douche sowie eingehüllt in einen wohlig-flauschigen Morgenmantel freute sie sich richtig auf das in Aussicht gestellte Frühstück. Während Charlie in der Küche werkelte, sah sie sich im Wohnzimmer um und entdeckte ihr Kostüm. Sie hob es auf – und erstarrte… Darunter kam ein blauer Ueli zum Vorschein, und nochmals darunter ein Gestell mit Herdplatte. Die Wut wollte schon wieder in ihr hochkriechen, als sie seine Schritte hinter ihr hörte. «Dieses Mal aber nicht werfen», tönte es mit dem umwerfenden Grinsen; Charlie stand mit einer Pfanne in der Hand vor ihr, darin zwei Spiegeleier.

Karins Wut war schnell verraucht und die Spiegeleier noch schneller gegessen. Überhaupt war es ein sehr fröhliches Frühstück – und es blieb nicht das einzige zwischen den beiden. Übrigens: Noch heute – schon vier Jahre verheiratet – ist es eine feste Regel: Am Sonntag nach dem Kehruss serviert der Charlie seiner Karin zwei Spiegeleier zum Frühstück…

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