Fasnacht ist die beste Medizin

17. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Hyylgschichte

So traurig und elend waren die letzten Wochen vor der Fasnacht noch nie für Carina. Sie, die um diese Zeit normalerweise voll im Stress war mit Näharbeiten für die Kostüme der Gugge «Stroossefääger», mit Larven-Kaschieren und vor allem mit Trösten all derjenigen Guggen-Mitglieder, die gerade wieder ein Problem hatten – sie hatte selbst ein Problem und Trost dringend nötig. Ihr Mauro, die Sandkastenliebe, die sie geheiratet hatte, ihre bisher einzige Liebe: es war nicht mehr ihr Mauro. Er habe eine andere gefunden, hatte er ihr ziemlich verlegen gestanden, es sei ihm ja nirgends recht… er ziehe aus… und vielleicht sei es besser, wenn sie sich auch bei den Stroossefääger nicht mehr zeige, weil doch die Neue oft dabei sei… Wo bei Carina gerade noch ein geordnetes Leben war, da war nun vor allem eins: ein grosses Loch.

Erst war sie wütend auf ihre siegreiche Rivalin, dann hoffend, er würde zurückkommen, und schliesslich kam die totale Resignation. Speziell hart war es in der Vorfasnachtszeit. Die gewohnte Beschäftigung und die Vorfreude auf die schönsten Tage des Jahres – alles ersetzt durch das Gefühl, unnütz zu sein, alles verpfuscht zu haben. Doch zwei Tage vor der Fasnacht wichen Trauer und Selbstmitleid einem anderen Gefühl: dem Trotz. «Und erst recht gehe ich an die Fasnacht!» Eine Frau, ein Wort; ein Kostüm wurde aus dem Kasten gekramt, Carina genoss den Morgenstraich und liess die selige Wolke des Fasnachtsgeist alle Wolken auf ihrer Seele überdecken. Es folgte ein Cortège bei herrlichem Sonnenschein und abends das Schlendern durch die Gassen. Manchmal stand sie verträumt an einer Ecke und lauschte den Trommelschlägen, manchmal lief sie verträumt hinter einer kleinen Pfeifergruppe her, und von Zeit zu Zeit war auch der Schluck Weisswein in irgendeiner «Baiz» angesagt. Frau Fasnacht hatte den Mauro aus Carinas Herzen und Hirn verdrängt – zumindest bis drei Uhr morgens.

War es Zufall, oder war sie von ihrem Unterbewusstsein geleitet? Auf alle Fälle stand Carina vor dem Holzschopf, dem Lokal, wo sich die Guggenmusiker spät nachts trafen, wo noch einmal aufgespielt wurde, kurz: da wo sie jedes Jahr ihren Mauro wieder traf. Carinas Zögern war nur kurz, der viele Weisswein stärkte ihr Selbstgefühl und Sekunden später sass sie auf ihrem Stammplatz ganz hinten an der Bar. Und wiederum Sekunden später bereute sie ihren Entscheid. Zwar waren die Stroossefääger nicht da, aber jeder Fleck im Lokal erinnerte sie an Mauro. Und genau so, wie die ersten Zweierli für Carinas Euphorie gesorgt hatten, so sorgten die nächsten Gläser dafür, dass nun Tränen flossen.

«Vin triste nennt man das», sagte eine wohltönende Stimme neben ihr, und durch den Wasserschleier vor ihren Augen sah Carina, dass auch die zur Stimme gehörende Gestalt ganz ansehnlich war. Sie schämte sich plötzlich, ausgerechnet hier und jetzt schlechte Stimmung zu verbreiten, und versuchte ein schüchternes Lächeln in Richtung des adretten Musketiers. «Gegen trübe Gedanken gibt es zwei Rezepte», fuhr dieser weiter, «ein Glas Sekt und ein gutes Gespräch. Hier ist beides.» Tatsächlich: das Glas stand schon da, das Gespräch war bald im Gang, und nach dem dritten Glas hatte Carina dem einfühlsamen Zuhörer alles anvertraut, was sie bewegte. Pech war nur, dass sie noch ein viertes Cupli bestellte, denn dieses war definitv zuviel: Mit einem leisen Rülpser rutschte sie vom Barhocker. Der Musketier wandelte sich zum Samariter, mit sanfter Hand umfasste er Carinas Hüfte, geleitete sie nach draussen und schlug dort einen Ausnüchterungsspaziergang am Rhein vor.

Der alkoholische Nebel wich der Kälte, aber Carina spürte nichts. Selig an ihren Musketier geschmiegt bummelte sie das Rheinbord entlang, manchmal minutenlang schweigend, manchmal kichernd über die Anekdoten ihres Begleiters. Ganz im Gegensatz zu ihrer sonstigen Vorsicht nahm sie sogar seine Begleitung für den Nachhauseweg an, und schon standen die beiden vor ihrer Haustüre. Die ganze Zeit hatte sie überlegt, ob sie ihn nach oben bitten solle. Die Vernunft kämpfte mit dem Verlangen nach mehr Zärtlichkeit – und die Vernunft verlor. Seine Reaktion dagegen kam mehr als überraschend: «Es reizt mich wirklich sehr. Aber ich möchte meiner Frau nicht das antun, was Mauro mit Dir gemacht hat.» Sagte es, drückte sie sanft in den offenen Hausgang, und der Musketier verschwand im morgentlichen Dunst.

Carina lag noch lange wach, und sie wunderte sich selbst über ihre Gedanken und Gefühle. Zum einen war sie erleichtert über sein Verhalten, zum zweiten unbeschreiblich glücklich über diesen Abend und drittens wusste sie eins plötzlich genau: Mauro war überwunden.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – auch an der Fasnacht. Ein Jahr später sass Carina in der Nacht auf Fasnachtsdienstag genau auf dem selben Hocker im Holzschopf – und beobachtete teils wehmütig, teils amüsiert «ihren» Musketier, der tatsächlich ebenfalls im Lokal war. Etwas wehmütig war’s der mittlerweile Geschiedenen zumute, weil ihr letztjähriger Begleiter noch keine Notiz von ihr genommen hatte und schwer in’s Gespräch mit einem weiblichen Waggis vertieft war, amüsiert aber sagte sie sich: «Wer weiss, vielleicht hat sie die Medizin nötig, die ich damals brauchte.» Ausserdem hatte es genügend Freunde im Lokal; Carina unterhielt sich prächtig und hielt sich an den früheren Tip: Ein Glas Sekt vertreibt schlechte Gedanken. Allerdings geriet die Vertreibung etwas zu flüssig, bald hatte sie etliche Mühe sitzen zu bleiben. So brauchte sie etliche Sekunden, um zu realisieren, dass sie jemand ansprach: «Du siehst aus, als könntest Du einen Spaziergang vertragen.» Sie konnte…

Die Parkbank vom letzten Jahr, sie war noch da, die Stimmung ebenso – doch dann wurde der Musketier ernst: «Weisst Du, letztes Jahr habe ich einen Fehler gemacht. Wenn ich mit Dir mitgegangen wärde, dann wäre ich vielleicht noch verheiratet.» Die Geschichte sprudelte aus ihm heraus, wie er nach hause kam, seine Frau im Bett vorfand, aber eben nicht alleine. Und nun sei er auch geschieden. Carina nahm ihren Musketier zart in die Arme, schaute ihm nachdenklich in die Augen und meinte: «Du hast damals keinen Fehler gemacht, als Du nicht mitkamst. Aber Du würdest heute einen machen, wenn Du Dich wieder weigerst…»

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