Alles Gewissensfrage

8. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Hyylgschichte

Kurt und Karin führen eine Musterehe, nur fasnächtlich gehen sie getrennte Wege. Dr Kurt ist Pfeifer bei den «Gmietsbrieder», seine Holde spielt die Trompete bei der Gugge «Klybegg-Rueche». Das fasnächtliche ist denn auch fast das einzige Thema, bei dem sich die beiden in die Haare geraten können. «Glasschneider» tönt es von ihr, «Falschspiel-Orchester» hallt es von ihm zurück. Auch diese «Komplimente» sind aber fast zärtlich gemeint – überhaupt, es gibt kaum Streit. Beide kennen Paare, da wirft sie ihm das Trinken vor und er ihr das Essen nach – aber nicht bei Kurt und Karin. Man lässt sich die jeweiligen Eigenheiten, lässt sich leben und lebt in perfekter Harmonie.

Vor allem ist beiden jegliche Eifersucht fremd. So hat Kurt keinerlei Probleme, als er seiner Angetrauten erklärt, die «Gmietsbrieder“ würden den Bummel auf zwei Tage ausdehnen, nach Paris fliegen und erst am Montag wieder in Basel sein. Seine Cliquen-Kollegen hatten da schon so ihre Mühe mit der besseren Hälfte. «Alles Männer und zwei Tage in Paris… da weiss man ja, was die treiben…“, so tönte es in mancher Ehe. Nicht so bei unserem Muster-Paar. Er soll sich nur gut amüsieren, fand Karin, und schliesslich ist Alex dabei, der wird schon auf meinen Kurt aufpassen. Alex war Freund der Familie, ging bei ihnen ein und aus, und da das Paar etwas ausserhalb von Basel wohnte, kam es oft vor, dass Kurt bei Alex in der Innenstadt übernachtete, wenn es später wurde nach der Cliquen-Probe. Aber er rief dann immer an, damit sich seine Karin keine Sorgen zu machen brauchte.

Der Bummelsonntag kam, und Kurt flog weg. Karins Gugge hatte ihren Bummel erst eine Woche später, so beschloss sie, sich an die Freie Strasse zu stellen und die paradierenden Formationen zu geniessen. Gesagt, getan, schon stand sie da… und stiess zu ihrem grossen Erstaunen mit Alex zusammen. Mit einem sehr zerknirschten Alex übrigens, denn der hatte verschlafen, das Flugzeug verpasst, und so musste er sich mit dem Bummel-Ausklang in der «Freien» zufrieden geben, statt mit den Freunden in Paris zu feiern. Karin tröstete den Untröstlichen so gut es ging, man erfreute sich zusammen an Cliquen und Guggen, kehrte in verschiedenen Baizen ein, ass gemeinsam in der Innenstadt, besuchte noch einige Kneipen… und plötzlich war es weit nach Mitternacht. Im Gegensatz zu Alex hatte Karin dem Weisswein tüchtig zugesprochen, so war sie dankbar, als ihr Begleiter vorschlug, sie nach Hause zu fahren.

Im trauten Heim angekommen, wurde Alex selbstverständlich noch zum Kaffee eingeladen, zum Kaffee kam ein guter Cognac, dann noch etwas mehr Wein. Die Stimmung wurde immer lockerer, man scherzte, flirtete sogar, turtelte etwas – und ehe sich Karin so richtig klar wurde, was sie tat, fand sie sich neben Alex im Bett bei der Zigarette danach. Schlagartig wurde sie nüchtern, denn das hätte nicht sein sollte. Wo der Kurt doch so viel Vertrauen… und sie liebe doch nur ihn… er würde selber nie… und was jetzt nur werden soll… Alex versuchte, die hemmungslos Weinende zu beruhigen, doch umsonst. Erst als das Telefon neben dem Bett klingelte, nahm sich Karin zusammen, versuchte, sich in Griff zu bekommen und möglichst normal zu klingen. Alex beobachtete sie während des Telefonats von der Seite und nahm wahr, dass sie noch bleicher wurde, ein paar Mal «ja… ja, ist gut, viel Vergnügen noch» in den Hörer murmelte und dann auflegte.

Alles Nachfragen von Alex nutzte nichts, Karin griff sich noch eine Zigarette, verharrte steif und stumm auf ihrer Seite des Bettes und war sichtlich in schweren Gedanken versunken. Doch urplötzlich der wilde Entschluss: Karin drückte die Zigarette aus, drehte sich zu Alex, nahm ihn fest in die Arme, küsste ihn wild und verkündete: «Jetzt drehen wir noch eine Runde!» Der so Überrumpelte fiel fast in Ohnmacht, verlangte erst nach einer Erklärung und bekam sie auch. «Das am Telefon war Kurt. Er amüsiert sich glänzend mit Dir in Paris und da es am Montag doch sehr spät wird, da würde er gleich wieder bei Dir übernachten. Du lässt mich schön grüssen, sagt der Kurt.» Und dann liess Karin keine Gegenwehr mehr zu…

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