Was für ein Hund!

9. August 2012 | Von | Kategorie: Hyylgschichte

Wer Basler Fasnächtlern die hohe Kunst des Trommelns beibringt, der heisst «Drummelhund» und ist meistens auch ein harter Hund. Denn einfach ist es nicht, vor einer Meute zu bestehen, in der jeder glaubt, das Trommeln erfunden zu haben. Der Schorsch ist «Drummelhund» bei den «Staibysser» und wenn einer ein harter Hund ist, dann er. Was den «Kübel», die «Schleegel» und das «Bandalier» betrifft, da kann ihm niemand das Wasser reichen – und es traut sich auch keiner. Nur in einem Fall schmilzt seine Härte dahin, wie der Februar-Schnee in der Fasnachts-Sonne: bei seiner Frau, dem Emmeli. Und diese Nachgiebigkeit ist seine Schwäche, die einzige, welche die übrigen «Staibysser» gerne zu Hänseleien ausnützen.

Emmeli selbst ist der Urtyp des treusorgenden Hausmütterleins, immer mit Aspirin zur Hand, wenn der Schorsch nach einer Trommelübung wieder mal mit schwerem Kopf erwachte, immer mit einer schönen, warmen Mahlzeit auf dem Herd, wenn ihr Göttergatte zwischen Arbeit und Fasnachtssitzung schnell zum Hemdwechseln einen Abstecher in’s traute Heim macht. Kurz: Emmeli sorgt für Rundum -Betreuung – und zwar etwas sehr Rundum, wenn man die anderen «Staibysser» fragt.

Wo immer die «Staibysser» ankommen, sei es an einem Halt am Cortège, auf dem Bummel oder bei einer Marschübung… Emmeli ist schon da. Das wird zwar teils von allen geschätzt, schliesslich hat die Gute auch immer Nadel und Faden parat, Kugelschreiber, Feuerzeug oder eben ein Aspirin. Und der Schorsch ist nie – aber auch gar nie – allein. Zwar ist Emmeli diskret, setzt sich meistens an einen anderen Tisch in der Baiz – aber sie ist da. «Die hat Dich gut unter Kontrolle!», «Ist er Schatten schon da?» und «Vorsicht Falle» sind nur einige der bissigen Kommentare. Schorsch selbst ist viel zu gutmütig, seiner besseren Hälfte mal Bescheid zu sagen. Zwar tönt er ab und zu an, es sei nicht nötig, dass sie immer und überall… Emmeli wehrt diese schüchternen Versuche aber sofort mit Argumenten ab wie «Ich will doch nur, dass es Dir gut geht» und «Natürlich will ich Dir nicht lästig fallen, wenn Du lieber möchtest, dass…» Und schon war der Schorsch geschlagen.

Und dann kam es, dass die «Staibysser» einen unvorhergesehenen Halt einlegten – böse Zungen behaupten, auf Initiative von Schorsch. Emmeli auf alle Fälle stand allein am Seibi, wunderte sich doch sehr – und ging schliesslich allein in die Casino-Bar – da, wo sie auch immer mit ihrem Schorsch war. An der hintersten Ecke stellte sie sich an die Theke, bestellte sich ein Einerli, noch eins und noch eins. Schön warm wurde ihr und gar nicht unangenehm war’s ihr, als sie von einem gutgebauten «Husar» angesprochen wurde. Man scherzte, ganz natürlich umfing sein starker Arm ihre Hüfte, ein scheues Küsschen folgte, dann ein weniger schüchternes und dann sogar ein richtig leidenschaftlicher Kuss.

Das Emmeli fühlte sich wieder wie zwanzig – zumindest, bis der Husar mit seiner Gruppe einstehen musste und die zart Entflammte wieder in der Kälte stand. Das Hochgefühl wich dem schlechten Gewissen und der Angst. Den Schorsch kennt man schliesslich gut in der Casino-Bar, wenn jemand sie erkannt hatte? Emmeli marschierte zum Spalentor, wo der nächste Halt der «Staibysser» zu erwarten war – und tatsächlich: da kamen sie auch schon. Mulmig war’s ihr, doch gestärkt und mutig vom Weisswein beschloss sie, das aus ihrer Sicht einzig Richtige zu tun: ihren «Fehltritt» zu beichten.

«Ich muss dringend mit Dir reden» – so überfiel Emmeli ihren Schorsch, und dieser konterte sichtbar gut gelaunt: «Das trifft sich, ich mit Dir auch.» Man setzte sich zusammen in’s «Eglistübli», Schorsch mit immer besserer Laune, Emmeli mit immer stärker schlotternden Knien. «Fang Du an», ermunterte sie ihren Gatten, um noch etwas Zeit zu gewinnen. «Weisst Du, Emmeli», begann dieser leicht verlegen, «dass Du uns am Seibi nicht getroffen hast, war meine Schuld. Ich wollte einfach mal allein mit den Cliquen-Kollegen einen nehmen. Versteh doch, ich würde nie mit einer anderen Frau, ich hab Dich viel zu gern. Aber mal so richtig festen mit den anderen, ohne Rücksicht auf Dich zu nehmen… also kurz und gut: ich bin gern mit Dir zusammen, aber nicht bei jedem Halt!» Emmeli schluckte – und sie verschluckte sich fast, als Schorsch nachhakte: «Und was hast Du zu beichten?» Sie riss sich aus ihren Ängsten, fasste blitzartig einen Entschluss und hörte sich fast erstaunt die folgenden Worte sagen: «Ich wollte das gleiche ansprechen. Ich habe Dich zu fest eingeengt, in Zukunft werde ich mich zurückhalten. Ich weiss, dass ich Dir vertrauen kann.» Beide schauten sich an, man lachte und bestellte noch einen Halben.

Am nächsten und übernächsten Halt und bei allen weiteren dieser Fasnacht war Emmeli nicht zu sehen, auch nicht, als die «Staibysser» ihren Stopp vor der Casino-Bar machten. Schorsch war wie üblich der erste an der Theke, er stellte sich neben einen gutgebauten Husaren, bestellte einen Gespritzten und haute seinen Nebenmann gleich an: «Für Dich auch einen?» Der Angesprochene wehrte ab: «Ein Nachtessen haben wir ja schon ausgemacht. Und übrigens: Wenn es nicht Deine Frau gewesen wäre, also ehrlich, ich hätte es durchaus ernst meinen können. Das Emmeli ist wirklich ein Schatz und noch herziger als auf dem Bild, dass Du mir gezeigt hast. Ist Deine Taktik eigentlich aufgegangen?» Schorsch schmunzelte: «Sie ist, lieber Heini, sie ist…»

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