Das doppelte asiatische Wunder

25. März 2012 | Von | Kategorie: Hyylgschichte

Die «Gääle Hamschter» waren eine Trommelgruppe – und was für eine. Natürlich nur Männer – «Frauen braucht’s an der Fasnacht zum Servieren» – und auch sonst überwogen diejenigen Ansichten des Lebens, welche einige als vaterländisch, andere aber auch im Sozialarbeiter-Jargon als machohaft- faschistoid bezeichnen würden. Besonders der Hausi war ein echter «Hamschter». In nüchternem Zustand kamen seine Sprüche betreffend Frauen und Ausländer noch gemässigt. «Ich habe nichts gegen Ausländer», pflegte er dann beim Anblick türkischer oder asiatischer Mitbewohner Basels zu sagen, «einige meiner besten Freunde sind Ausländer, aber diese Ausländer sind nicht von hier.» Deftiger wurde seine Aussprache, wenn seine Blutgruppe Richtung Warteck oder Feldschlösschen tendierte. «Gegen Ausländer habe ich nichts… zumindest nichts wirksames», war noch eine der freundlichsten Äusserungen. Und bei Frauen fiel ihm in solchen Fällen höchstens ein, dass die Aufenthaltsorte Küche und Schlafzimmer artgerechter Haltung entsprächen.

Eine seltsame Wandlung trat eines Tages, kurz nach den Ferien, ein. Hausi war wieder mal in Thailand, um «die Sau rauszulassen». Zurück im merklich kälteren Basel waren nicht nur seine markigen Bemerkungen verschwunden, er beteiligte sich nicht einmal an den entsprechenden Diskussionen am Stammtisch der «Gääle Hamschter». Dass er kurz darauf noch einmal nach Thailand abrauschte, er staunte seine Freunde nur mässig, vielmehr aber die Tatsache, dass niemand für die Rückkehr zum Abholdienst verpflichtet wurde. Da einer der «Hamster» am Flughafen arbeitete, war der Ankunftstermin aber schnell bekannt – und ebenso schnell ein Empfangskomitee zur Stelle. Und, ei, was sah man: Hausi in Begleitung einer zartgliedrigen, mandeläugigen Schönheit, welche der Ertappte sichtlich verlegen als Sheela… und als seine zukünftige Ehefrau vorstellte.

Nicht gerade vom Feinsten waren die Bemerkungen, welche sich Hausi in den nächsten Wochen anhören musste, ja sogar ein Ausschluss aus den «Gääle Hamschter» wurde diskutiert. Mit der Zeit beruhigten sich aber die Gemüter; dies erst recht, nachdem einige «Hamschter» bei dem frisch vermählten Paar zum Essen eingeladen waren. Sheelas Küche mundete wie im Urlaub, auch wenn allen der Schweiss die Nase runterfloss und auch der nächste Toilettengang hinterlistig an das Genossene erinnerte. Aber genauso, wie sich seine Kollegen an die exotische Schönheit gewöhnten, genauso gewöhnte sich auch Hausi an seine Sheela. Aus der anfänglichen Zärtlichkeit wurde immer mehr Gleichgültigkeit und schliesslich Grobheit, die alten Sprüche kehrten wieder, und Hausi selbst kehrte immer später von seinen diversen abendlichen Ausflügen nach Hause zurück. Kurz: Sheela wurde immer stiller, Hausi wurde immer lauter, und das Wunder seiner Wandlung schien Vergangenheit. Bis die nächste Fasnacht kam…

Hausi war eigentlich nur noch zum Schlafen zuhause, und nicht einmal dann immer. Die Fasnachtsvorbereitungen seien schuld, erklärte er, aber davon verstünde sie ja sowieso nichts, denn erstens sei sie eine Frau und dann auch noch Ausländerin. Sheela sah ihn nur mit grossen, dunklen Augen an und schwieg. Und dann kamen die schönsten drei Tage – und es war eine Traumfasnacht mit Petrus als grossem Gönner von Montag bis Mittwoch. Die letzten zwei Stunden genossen die «Gääle Hamschter» rund um den Rümelinsplatz, mit einigen Pausen, um die Atmosphäre zu geniessen. In einer solchen Pause war es, als sie die kleine Gruppe von Pfeifern entdeckten – nein, es waren an den Händen sichtbar Pfeiferinnen – gewandet in Chinesen-Kostüme. Ungeheuer grazil marschierten, nein schwebten sie vorbei, und dies mit feinem aber klarem Vortrag. «Die reissen wir auf», tönte ein «Hamschter», und schon war man hinterher. Eine leichte Aufgabe schien dies zu sein, denn schon bald drehte sich die Pfeifer-Gruppe um und spielte den potentiellen Aufreissern im Stand ein «Ständeli». Und zogen danach die Larven ab. Hausi wurde schwarz vor Augen. Als er wieder erwachte, lag er auf eine Bank gebettet. Dunkle, grosse Augen waren über ihm. Und aus einem sanften Lächeln hauchte es: «Du viel weg. Ich mit Freundinnen viel trainiert, ich jetzt auch verstehen Fasnacht.»

Ach ja: die «Chinesen» laufen auch an der nächsten Fasnacht wieder, allerdings verstärkt durch einige Tambouren. Und die etwas dezimierten «Gääle Hamschter» suchen noch Verstärkung. Verheiratete werden bevorzugt.

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