Unheimliche Begegnung der fasnächtlichen Art

24. Februar 2012 | Von | Kategorie: Hyylgschichte

Ein Unglück kommt selten allein; dieser Satz kam dem Ludwig – oder Ludi, wie ihn alle seine Freunde nannten – an diesem Fasnachtsmontag oft in den Sinn. Zuerst hatte er beinahe den Morgenstraich verschlafen – einer der 17 «Gspritzte» bei der Laternen-Vernissage – war wohl schlecht -, danach goss ihm ein ziemlich betrunkener Südschwede einen Becher Bier über das Kostüm – statt einer Entschuldigung kam ein lallendes «Helau!» – und am Cortège kam der befürchtete Regenguss genau zu dem Zeitpunkt, als die «Drummelhind» auf der Wettstein-Brücke mitten im Stau steckten. Erst nach vielen nicht druckreifen Worten in Richtung Fasnachts-Comité ging es dann doch weiter.

Und nun – mitten während des «Gässle» am Heuberg: ein herzhafter Fünferruf – und das Fell war hin. Die umstehenden Passanten mussten mit Erstaunen feststellen, wie bescheiden ihr Repertoire an Flüchen im Vergleich zu demjenigen von Ludi war, als dieser wutentbrannt in den «Schnabel» stampfte. Was tun, sprach der Fasnachts-Gott – und er gab Ludi eine Erleuchtung. Es hatte eben doch einen Vorteil, dass seine Elvira mit der Fasnacht nichts am Hut hat – vielleicht ist sie zuhause. Gedacht und telephoniert – tatsächlich: seine bessere Hälfte verweilte bei «Sex and the City» und konnte sogar überredet werden, ihm die Ersatz-Trommel in den «Schnabel» zu bringen. Schon etwas besänftigter setzte sich Ludi zurück an den Tisch, um seiner Leber noch etwas Arbeit zu verschaffen.

Die gute Elvira hatte derweilen mehrmals geseufzt, resigniert zum Himmel geblickt und sich schliesslich den Regenmantel übergeworfen. Die Trommel geschultert, marschierte sie aus dem Gundeli Richtung Innenstadt. Dies ging auch ziemlich flott, zumindest solange sie die fast menschenleeren Strassen des Vorstadt-Quartiers durchmass. Erst kurz vor der Heuwaage kam ihr ein fasnächtlich Kostümierter entgegen, die Larve unter dem Arm und anscheinend auf dem Heimweg. Als sie sich kreuzten, musterte er sie mit einem Blick, der Elvira zusammenzucken liess – und schon nach einigen Schritten spürte sie das seltsame Gefühl im Rücken, beobachtet zu werden. Ein kurzer Blick zurück bestätigte nicht nur dieses; der unbekannte Fasnächtler hatte es sich mit seinem Heimweg anscheinend anders überlegt: er verfolgte sie.

Elvira beschleunigte ihren Schritt und war richtig froh, als sie am Seibi endlich in die fasnächtliche Menge eintauchen konnte. Die Erleichterung war allerdings nur von kurzer Dauer: ihr Schatten liess sich nicht abhängen. Und nicht nur das – ab dem «Gambrinus» waren ihr plötzlich zwei weitere Fasnächtler auf den Fersen – ein Waggis und eine «Alte Dante» – und diese beiden hielten nicht einmal den Höflichkeitsabstand des ersten Verfolgers. Elvira konnte förmlich den Atem der beiden spüren – besser gesagt riechen, ihr letzter Halt schien recht feucht gewesen zu sein. Panik flammte in der getreuen Botin auf; sie mochte die Fasnacht nicht – und spätestens jetzt wusste sie auch warum.

Bis zur Hauptpost hatte sich die Verfolgerschar nicht abhängen lassen; nun ergriff Elvira die blinde Flucht. Mit klopfendem Herzen, rasendem Pulsschlag im Kopf und einem Stechen in der Brust, das sie bei jedem Atemzug zusammenzucken liess, rannte Elvira los. Rücksicht auf Umstehende wurde keine genommen, die Gute entwickelte ungeahnte Kräfte, was ein stattlicher Tambourmajor erfahren musste, als er plötzlich bäuchlings in einem Hauseingang lag. Und endlich, endlich war es soweit – der Eingang des «Schnabel» öffnet sich rettend vor der mittlerweile hemmungslos Schluchzenden. Rein ins Lokal und hinein in die Arme des noch nie so ersehnten Freundes – endlich in Sicherheit.

Ludi staunte nicht schlecht: zweitens wegen der Geschwindigkeit, mit der er seine Trommel bekommen hat, und erstens über die völlig aufgelöste Freundin. Diese kam und kam nicht zur Ruhe, stammelte etwas von bösen Männern, schaute sich gehetzt um und zeigte plötzlich ganz hysterisch auf drei Fasnächtler, die sich bedrohlich nahe an ihren Tisch schoben. «Gehört die zu Dir? Und die Trommel auch?» Diese Sätze liessen Verstehen in den Augen des Ludi aufblinken. Das Trio war Elvira im Verdacht gefolgt, sie hätte ein Souvenir gefunden, welches noch gar niemand verloren hat.

Schnell war eine Runde bestellt, für Elvira gab es einen doppelten Cognac gegen den Schreck – und nachdem sie die Erklärung geistig vollzogen hatte, konnte auch sie über die unheimliche Begegnung lachen. Noch mehr Gelächter brachte die Anekdote des einen Verfolgers, von Beruf Grenzwächter. «Letztes Jahr habe ich einen holländischen Wagen kontrolliert und fand prompt eine Trommel drin. Der Fahrer bestand darauf, es sei seine eigene, doch die verlangte Probe seiner Trommelkunst fiel dann mehr als bescheiden aus. Das Instrument war er schnell los – und den Inhalt seines Geldbeutels auch!» Elvira – mittlerweile durch drei doppelte Cognacs sehr gelöst – fand dies mehr als lustig – und die unheimliche Begegnung der fasnächtlichen Art gar nicht mehr so schlimm. Vielleicht habe ich die Fasnächtler doch falsch eingeschätzt, ein tolles Zusammengehörigkeitsgefühl haben die – dies war ihr letzter Gedanke, bevor sie an Ludis Schulter sanft einschlummerte..

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