Völker verbindende Fasnacht

17. Februar 2012 | Von | Kategorie: Hyylgschichte

Er heisst Urs, ist Lokaljournalist bei einer kleinen Zeitung aus der Region Basel, und er hat drei grosse Leidenschaften: Fasnacht, Fussball und Frankreich. Das ganze Jahr lebt er für seinen Verein «Fortuna», über den er in seinem Blatt auch schreibt. Spätestens ab dem Spätherbst wird die Fasnacht aktuell: er schreibt Zeedel für Cliquen, malt Sprüche auf Laternen und am Cortege ist mit den «Mischtkratzerli» auf dem Wagen. Seine dritte Leidenschaft hingegen, die lebt er in den vier Ferienwochen aus, wenn er durch sein geliebtes Südfrankreich reist. Irgendwann – so verkündet er es jedem, der es wissen will (und allen, die es gar nicht mehr hören mögen) – irgendwann wird er auswandern und eine kleine Creperie in Arles führen. Dass seine drei Leidenschaften aber mal zu einem missglückten Liebesabenteuer und (in dieser Reihenfolge) zu einem sehr dankbaren Optiker führen, das hätte er sich nicht träumen lassen. Wie das gekommen ist… dies ist der Inhalt der folgenden Geschichte.

Vor drei Jahren war’s, der September nahte und damit auch die zweitschönste Zeit im Leben des Urs. Mit dem Zug ging es über Avignon nach Arles, und von dort per Bus weiter nach Saintes-Maries-de-la-Mer. Wie üblich wollte er dort in einem kleinen Hotel erst einmal ausspannen, den Strand geniessen und später mit dem Motorrad durch die Camargue. Bis dahin alles wie gehabt, bis das Schicksal am dritten Tag seinen Lauf nahm. Und dies eigentlich ganz harmlos: im Hotel verfolgte er mit, wie sich ein Mädchen an der Reception erfolglos bemühte, frische Handtücher für ihr Zimmer zu bekommen; ihre paar Brocken Französisch würzte sie dabei erkennbar mit einer reichlichen Prise deutschem Akzent. Hilfsbereit, wie der Urs nunmal ist – besonders wenn es um die holde Damenwelt geht – spielte er den Dolmetscher. Isolde – so hiess der blonde Engel – bekam ihre Handtücher und obendrein einen Drink an der Bar, selbstverständlich spendiert von Urs.

Wie das (Urlaubs-)Leben so spielt, aus einem Drink wurden viele, dazu kam ein gepflegtes Abendessen, ein gemeinsamer Besuch in der örtlichen Disco und schliesslich ein romantischer Spaziergang am Strand. Man verabredete sich für den nächsten Tag, für den übernächsten, für einen weiteren… und aus dem einsamen Motorrad-Ritt durch die Camargue wurde ein Ausflug zu zweit. Doch, so sicher wie das Amen in der Kirche, so sicher kommt auch das Ende des Urlaubs, Isolde musste heim nach München, der Urs nach Basel. Und wie in hunderten von Urlaubsflirts vorher: man tauschte Adressen, versprach sich die jeweilige Heimatstadt zu zeigen, man wird sich ganz bestimmt schreiben… und tschüss!

Denkste! Kaum zuhause, fand Urs einen Brief im Kasten, von Isolde, mit Einladung und sogar genauem Datum. Man telephonierte, organisierte und einige Wochen später befand sich Urs in der Hauptstadt des Bieres. Das Wochenende war ein Genuss – nicht nur des Bieres wegen -, doch viel zu kurz, und es schrie nach einer Wiederholung. Urs lud Isolde nach Basel ein, man fand mit Mühe einen Termin, zwar erst im kommenden Februar, aber immerhin. In den folgenden Wochen schrieben sich die beiden immer mal wieder, dann immer seltener, dann kaum mehr… bis plötzlich der Brief aus München mit der genauen Ankunftszeit Isoldes in Basel auftauchte. «Hurra, das Ticket ist gekauft, und ich kann fünf Tage bleiben», so stand es in geschwungenen Lettern. Die erste Reaktion des Urs war alles andere als enthusiastisch; zum einen hatte er seine Urlaubsliebe geistig schon ad acta gelegt, zum anderen war er mitten in den Fasnachtsvorbereitungen und schliesslich zeigte ein Blick auf den Kalender: genau am Sonntag vor dem Morgenstreich kommt die Holde. «Was fang ich nur mit der an», jammerte der Termingeplagte abends am Stammtisch, und wurde damit erst recht zum Gespött der Freunde. «Mit einem ‚Schwoob‘ an die Fasnacht.» «Nimm sie doch mit auf den Wagen.» «Aber dann mit einem Heftpflaster über den Mund.» So einige der Kommentare – und dies waren noch die nettesten.

Noch düsterer zogen sich die Wolken zusammen, als der Chefredakteur seiner Zeitung den Urs dazu verdonnerte, über ein Auswärtsspiel der Fortuna zu berichten, ausgerechnet am selben Sonntag. Dazu war die Begrüssung am Flughafen nicht gerade die herzlichste, irgendwie war der Draht zwischen den beiden gerissen. Immerhin: den überraschenden Ausflug nach Bern zum Fussball trug sie mit Fassung, aber viel zu sagen hatte Isolde nicht, zumindest nicht, bis Beat auftauchte. Beat war Optiker, grosser Fortuna-Fan und Dienstkollege von Urs. Und ausserdem ist Beat die Hilfsbereitschaft in Person, nach seiner kürzlichen Scheidung keine Konkurrenz (Zitat: Alle Frauen können mir gestohlen bleiben)… und damit die Rettung. Schnell war Beat überredet, sich doch während Fasnachtsmontag und -mittwoch etwas um den Münchner Besuch zu kümmern, weil der Urs doch am Cortege und abends mit den Wagen-Kollegen, etc. So machte Urs am Montag Fasnacht und Beat den Fremdenführer.

Dienstag, morgens um halb drei, schlich sich Urs mit den Schuhen in der Hand in seine Wohnung. Schliesslich ist man ein höflicher Gastgeber, und Isolde schläft sicher schon lange. Denkste! Das Bett war leer. Erst nach einer guten halben Stunde des Dösens hörte Urs die Türe – und er hörte Unerhörtes. Die so seriöse und praktisch alkoholfrei lebende Isolde kam unsicheren Schrittes, dafür mit hörbarem Schluckauf ins Schlafgemach, fiel mitsamt Kleidern ins Bett und begann sofort, einen ausgewachsenen Regenwald zu zersägen. Dafür sass sie beim Spätstück (es war schon Nachmittag) da wie eine langjährige Autostopperin: ziemlich mitgenommen. Und sie verstand es mit dem ersten Satz, dem Mund von Urs die Form einer Tunneleinfahrt zu geben: «Würde es Dir viel ausmachen, wenn ich heute wieder mit Beat losziehe, Du bist doch mit der Fasnacht soooo beschäftigt?» Urs bemühte sich, seinen Mund zu zukriegen, um gleich darauf zu stammeln, dass es ihm natürlich nichts ausmache, und das sei sehr lieb von Beat usw. Und als kurz darauf ein hörbar zerknirschter Beat an der Türe klingelte, um die Touristin abzuholen, konnte sich Urs ein Schmunzeln nicht verkneifen, genau so wenig wie den Satz «Wie war das mit den Frauen, die Dir alle…?»

Vier Tage später war Isolde fort, dafür stand Beat plötzlich mit dem Wunsch beim Urs, er möchte mal mit ihm reden. Es habe ihn völlig erwischt… es tue ihm ja leid… normalerweise seien Freundinnen von guten Freunden ja tabu… ob der Urs ihm jetzt sehr böse sei? Urs holte erst mal den Cognac, prustend vor Lachen. «Ich war doch noch so froh. Ich hatte meine Fasnacht und Du Dein Vergnügen. Und ausserdem: Du bist in Basel, sie in München, was soll das schon geben?»

Zum dritten Mal Denkste! Drei Jahre sind seither vergangen. Den Beat sieht man nicht mehr an jedem Spiel der Fortuna, denn oft ist er in München. Und wenn er doch an ein Spiel kommt, so ist er nicht allein; der Verein hat jetzt einen Fan aus fernen Landen. Seine Fremdenführer-Qualitäten darf er an jeder Fasnacht ausüben, allerdings: jetzt endet seine Aufgabe nicht mehr an der Haustüre des Urs. Der dafür hat auf seinen Brillen und Kontaktlinsen seither 20 Prozent Rabatt – und ein Versprechen: an der Hochzeit ist er Ehrengast.

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