Kein Herz aus Stein

12. März 2011 | Von | Kategorie: Hyylgschichte

Peter hatte es nicht leicht mit den Stammgästen. Um sich das Studium zu verdienen, servierte er im Keller des «Mimösli» während der unzähligen vorfasnächtlichen Vorstellungen. Die Gäste, welche vor oder nachher in den Keller kamen, waren kein Problem, aber eben die Stammgäste, die jeden Abend ihre drei, vier Bierchen kippten. Besonders Pauli, der Eisenleger, hatte es auf Peter abgesehen. «Hör mal, Bürogummi, kann so ein Studierter überhaupt Bier einschenken?», war noch einer der nettesten Sprüche. Wer sein Geld nicht mit der Hände harter Arbeit verediente, war für den Pauli halt nur ein halber Mensch. Und er selbst war wie seine Arbeit: «Ich habe halt eine rauhe Schale, aber ein Herz aus Stein», pflegte er zu brüllen, wenn ein anderer Stammgast um Nachsicht mit dem armen Studenten bat.

Peter gab sich redlich Mühe, es den Stammgästen trotz der herben Sprüche recht zu machen, und besonders den Pauli umsorgte er, so gut es ging. Denn dieser kam ab und zu in Begleitung seiner Tochter – und auf die Anita hatte der Peter mehr als nur ein Auge geworfen. Anita selbst schien dies nicht zu merken, aber ihr Vater umso besser, und dann kam der Spruch, den Peter hasste wie nichts sonst: «Eins ist sicher, ein Studierter kommt mir nie ins Haus!»

Eine Woche vor der Fasnacht aber lachte Peter das Glück: Anita kam alleine… und hatte sichtlich Lust auf eine Unterhaltung mit ihrem stillen Verehrer. Nach Feierabend ging’s sogar noch weiter durch ein paar andere Lokale, man kam sich leicht näher, aber eben nur leicht. Und irgendwann musste Anita den Heimweg einschlagen. Da sie weit ausserhalb der Stadt wohnte, kam nur ein Taxi in Frage, was aber Geld kostete – und gerade das hatte sie nicht mehr, wie die junge Frau mit kokettem Augenaufschlag gestand. Ob der Peter ihr wohl fünfzig Franken leihen könnte, morgen bekäme er es zurück. Peter konnte knapp, denn er hatte schon den ganzen Abend mit ihr finanziert, aber als echter Ökonomiestudent betrachtete er die Leihgabe als Investition in die Zukunft.

Diese Zukunft zog sich aber ziemlich hin, denn Anita kam weder am nächsten, noch am übernächsten Tag in den Mimösli-Keller. Schliesslich traute sich Peter, den Vater sanft darauf anzusprechen, er solle doch seiner Tochter einen schönen Gruss ausrichten, und wenn sie mal vorbeikommen könnte, sie wisse dann schon… Die Reaktion von Pauli war überraschend: «Die schuldet Dir wohl Geld. Selber schuld, ich zahle sicher nicht für meine Tochter, sie ist schliesslich alt genug!» Peter beteuerte zwar, es ginge nicht um Geld, aber so recht Glauben fand er nicht. Beim Zahlen fuhr ihn der Pauli noch einmal an, dass er nicht für die Schulden seiner Tochter aufkomme, aber so ein kleines bisschen war das schlechte Gewissen zu spüren: Das Trinkgeld fiel mehr als grosszügig aus.

Am nächsten Abend kamen sie dann beide. Besser gesagt, Pauli schleppte seine Tochter beinahe an den Haaren in den Keller, baute sie vor dem Peter auf und brüllte: «Gib ihm, was Du ihm schuldest!» Während die sichtlich Verlegene den Blick tief in den Boden bohrte, ging ein Ruck durch Peter, der plötzlich dieselbe Tonlage wie sein Gegenüber fand: «Ich habe Dir doch gesagt, es geht nicht um Geld! Spinnst Du, so ein Theater aufzuführen, ich wollte die Anita einfach wieder mal sehen. Sie gefällt mir nämlich gut.» Seinen Mut bereute er zwar Sekunden später, weil jetzt eine rechte Gerade von Pauli zu erwarten war. Der aber schaute nur verblüfft, fing plötzlich an zu lachen und liess die beiden stehen. Dies aber nicht, ohne einmal mehr den Spruch vom «Studierten» zum besten zu geben, der ihm nicht ins Haus komme.

Der Peter und die Anita aber sprachen sich noch lange nach Feierabend aus. Sie entschuldigte sich dutzendfach, sie habe eben das Geld nicht flüssig gehabt und sich geschämt, zu ihm zu kommen. Er versicherte ihr ebenso oft, dass dies doch egal sei – und jedesmal, wenn sie ihn fragte, ob er das ernst gemeint habe mit dem Gernhaben, bestätigte er dies ebenso vehement wie zärtlich. Wie heisst es so schön in dem berühmten Film: Es war der Beginn einer wundervollen Freundschaft. Man verbrachte die gesamte Fasnacht zusammen, ebenso die Bummelsonntage und die Monate danach.

In der Vorfasnachtszeit des nächsten Jahres servierte Peter nicht mehr im Mimösli-Keller. Das Studium war zu Ende, die Prüfungen bestanden. Eines Abends stand er aber doch an Paulis Tisch – und erst noch mit Anita im Schlepptau. Der Pauli schaute auf und meinte in gewohnter Tonlage: «Aha, mit dem Studierten treibst Du Dich rum, darum sieht man Dich kaum noch zuhause.» Peter selbst war um eine Antwort aber nicht verlegen: «Stimmt! Und was ich jetzt mache, das macht man eigentlich im Haus der Eltern, aber bei Dir darf ein Studierter ja nicht rein. Deshalb mach ich es hier: Ich bitte Dich um die Hand Deiner Tochter.»

Im Mimösli-Keller wurde es schlagartig still. Jetzt musste etwas kommen, dass wusste jeder, denn den Pauli hatte man schon andere am Hemdkragen aus dem Lokal werfen sehen. Blicke des Mitleids streiften den vermeintlich Todessüchtigen – und dann kam auch etwas, aber anders als erwartet: Pauli stand auf, packte erst seine Jacke, dann das nun völlig verdutzte Paar und schob sie Richtung Ausgang. «Wir gehen jetzt zu mir und trinken darauf eine rechte Flasche Wein», brüllte der werdende Schwiegervater, und nach rückwärts zu den übrigen Stammgästen, die mit offenen Mündern da sassen: «Einen Studierten brauchts pro Familie, man weiss ja nie, zu was man die noch brauchen kann.»

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